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Hamburg (ddp). Der frühere CDU-Wirtschaftsexperte Friedrich Merz
hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in ungewöhnlich scharfer Form
fehlenden Mut und Entscheidungsschwäche vorgeworfen. Die großen
Themen lägen auf der Straße, sagte der frühere Unions-Fraktionschef
dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». «Es fehlt nicht an historischen
Projekten. Es fehlt am Willen. Wo ist der Regierungschef, der sich
hinstellt und sagt: Liebe Freunde, wir haben folgende Probleme,
erstens, zweitens, drittens, und ich stelle mir die Lösung so vor:
erstens, zweitens, drittens», fragte Merz.
Merz sieht die Kanzlerschaft von Merkel aus jetziger Sicht nicht
als historisch an. Gemessen an ihrem Gestaltungswillen frage er sich
wie viele in der CDU: «Was bleibt von Angela Merkel? Wofür steht sie
so klar und ohne jede Einschränkung, dass sie auch bereit wäre, dafür
ihr Amt zu riskieren?» Bei früheren Kanzlern sei dies klar gewesen.
Alle Kanzler bis auf Kurt Georg Kiesinger hätten «mindestens ein
großes zentrales Thema gehabt«. Wo, fragt Merz weiter, «ist heute die
deutsche Europapolitik? Wo ist heute eine konzeptionell und
langfristig angelegte deutsche Wirtschafts-, Arbeitsmarkt- und
Sozialpolitik?»
Merz dringt insbesondere auf eine «Fundamentalreform» des
Gesundheitswesens. In diesem Bereich ticke «sozialpolitisch die
größte Zeitbombe in unserem Land». Merz machte sich für eine
einkommensunabhängige Kopfpauschale stark, von der die Union
inzwischen abgerückt ist. «Ich kann meiner Partei nur dringend raten,
sich dieser Debatte wieder von den Fakten her zu nähern und nicht von
den Schlagworten.»
Seiner Partei warf er vor, unter dem Vorsitz Merkels profillos
geworden zu sein. «Es kann nicht der einzige Sinn und Zweck einer
politischen Partei sein, in jedem Fall in der Regierung zu sein, egal
mit welchem Ergebnis, egal mit welcher Politik und egal mit welchem
Koalitionspartner.» Die Wahlenthaltung von fast einem Drittel der
Wähler bei der letzten Bundestagswahl habe gezeigt, «dass hier ein
großes Defizit gerade bei der Union gesehen wird».
Merz war im Herbst 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden. Das
Verhältnis zwischen ihm und Merkel galt spätestens seit dem Herbst
2002 als angespannt. Damals verdrängte Merkel Merz vom
Fraktionsvorsitz. Am Dienstag will Merz zusammen mit dem aus der SPD
ausgetretenen Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement ein gemeinsames
Buch mit dem Titel »Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0"
präsentieren.
(ddp)
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