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Tuntenhausen (ddp-bay). Als Treffpunkt von Landespolitik und
oberbayerischer Glaubensidylle hat die Tuntenhausener Männerwallfahrt
eine lange Tradition. Auch im Jahr 2010 bot die Wallfahrt die
erwarteten Bilder: Erzbischof und Finanzminister begegneten sich am
Sonntag einträchtig bei Bier und Weißwurst. In stürmischen Zeiten für
CSU und Kirche wurde eine selten gewordene Harmonie aus Landleben,
Glauben und CSU-Vorherrschaft inszeniert - ein Idyll mit Rissen.
Der Geist der traditionsreichen Wallfahrt kristallisierte sich in
einem Moment kurz nach Beendigung des vom Münchner und Freisinger
Erzbischof Reinhard Marx gehaltenen Festgottesdienstes. Untermalt von
der Blasmusik der «Schönauer Musi» empfing Bayerns Finanzminister
Georg Fahrenschon (CSU) auf dem Kirchvorplatz den Erzbischof mit
vertraulichem Handschlag. Eingerahmt wurden die Hauptpersonen des
Vormittags dabei von regionalen und lokalen Honoratioren. Die
Landesbäuerin Annemarie Biechl war ebenso zu Gast wie der langjährige
Rosenheimer Landtagsabgeordnete Adolf Dinglreiter und Vertreter der
Tuntenhausener Vereinswelt.
Bei strahlendem Sonnenschein marschierten die meist in Lodenjanker
und Tracht gewandeten Wallfahrer, angeführt von Fahrenschon und Marx,
ausnahmsweise jedoch zu einer Lagerhalle für Landmaschinen, in die
die folgende Tagung verlegt worden war. Der traditionelle
Sitzungssaal im Dorfgasthof war aufgrund eines Umbaus gesperrt
worden.
Unter dem hohen Dach der Lagerhalle zelebrierten die Besucher mit
der Verknüpfung von Bierausschank, deftigem Essen und politischer
Grundsatzrede eine weitere bayerische Tradition. In einer etwa
einstündigen Tagungsrede steckte Fahrenschon die aktuellen Eckpunkte
der CSU-Politik ab. Der bayerische Finanzminister forderte eine
Konsolidierung der Staatsfinanzen und warnte vor einem «Marsch in den
Schuldenstaat». Zugleich bekräftigte er die Notwendigkeit einer
Entlastung der Steuerzahler. Der Lohn der Arbeit gehöre «den Bürgern,
nicht dem Staat», sagte Fahrenschon. Im gleichen Atemzug kritisierte
er den Länderfinanzausgleich: Die bayerischen Bürger hätten ein Recht
auf den Lohn ihrer Mühen.
Nach seiner Rede bezeichnete Fahrenschon die Tuntenhausener
Wallfahrtstagung als «außergewöhnliche Gelegenheit, Politik einmal in
den großen Zusammenhängen darzustellen». Im Gegensatz zu
Festzeltreden müsse man als Redner «nicht den nächsten Applaus
erheischen». Die Zuhörer, überwiegend Wallfahrer und Mitglieder des
Tuntenhausener Katholischen Männervereins, quittierten Fahrenschons
Ausführungen tatsächlich mit freundlichem, aber nicht
enthusiastischem Beifall.
Die Protagonisten des Vormittages demonstrierten hingegen
größtmögliche Eintracht: Fahrenschon würdigte Marx´ Predigt als
«kraftvoll und bewegend». Der Erzbischof lobte Fahrenschon, der den
ursprünglich als Festredner geplanten bayerischen Ministerpräsidenten
Horst Seehofer (CSU) vertrat, als «Person, die überzeugend den
christlichen Glauben darstellt». Als Treffen von CSU und Kirche
wollte Marx die Wallfahrt jedoch nicht verstanden wissen: Zu Gast
seien traditionell Amtsträger, die «sich aus Antrieb christlicher
Verantwortung in die Politik» begeben hätten. Diese seien - mit Blick
auf Fahrenschon - auch bei der diesjährigen Männerwallfahrt wieder
vertreten gewesen.
Frei von den Einflüssen aktueller Krisen blieb jedoch selbst die
oberbayerische Traditionswallfahrt nicht: Marx eröffnete den
Gottesdienst mit dem Hinweis auf die «schweren Wochen», die die
Kirche aktuell durchlebe. Fahrenschon forderte in seiner Rede eine
«uneingeschränkte Aufklärung» der Missbrauchsfälle. Ein «Rückzug in
die Wagenburg» widerspräche den Grundsätzen des christlichen
Glaubens. Gleichwohl könne die aktuelle Krise den «christlichen
Glauben nicht erschüttern».
Dass selbst das beschauliche Tuntenhausen als Wallfahrts- und
Rückzugsort nicht frei von Sorgen ist, machte auch der örtliche
Gemeindepfarrer Amit Sinha Roy klar. Er musste die Gäste des
Gottesdienstes um Spenden für die Tuntenhausener Basilika bitten. Das
eindrucksvolle und symbolträchtige Gebäude wird derzeit nur
notdürftig von einer provisorischen Konstruktion gestützt. Eine
Sanierung sei dringend notwendig, sagte der Pfarrer.
(ddp)
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