Politik und Kirche treffen sich in Tuntenhausen
Sonntag, 25. April 2010
Politik und Kirche treffen sich in Tuntenhausen

Tuntenhausen (ddp-bay). Als Treffpunkt von Landespolitik und oberbayerischer Glaubensidylle hat die Tuntenhausener Männerwallfahrt eine lange Tradition. Auch im Jahr 2010 bot die Wallfahrt die erwarteten Bilder: Erzbischof und Finanzminister begegneten sich am Sonntag einträchtig bei Bier und Weißwurst. In stürmischen Zeiten für CSU und Kirche wurde eine selten gewordene Harmonie aus Landleben, Glauben und CSU-Vorherrschaft inszeniert - ein Idyll mit Rissen.

Der Geist der traditionsreichen Wallfahrt kristallisierte sich in einem Moment kurz nach Beendigung des vom Münchner und Freisinger Erzbischof Reinhard Marx gehaltenen Festgottesdienstes. Untermalt von der Blasmusik der «Schönauer Musi» empfing Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon (CSU) auf dem Kirchvorplatz den Erzbischof mit vertraulichem Handschlag. Eingerahmt wurden die Hauptpersonen des Vormittags dabei von regionalen und lokalen Honoratioren. Die Landesbäuerin Annemarie Biechl war ebenso zu Gast wie der langjährige Rosenheimer Landtagsabgeordnete Adolf Dinglreiter und Vertreter der Tuntenhausener Vereinswelt.

Bei strahlendem Sonnenschein marschierten die meist in Lodenjanker und Tracht gewandeten Wallfahrer, angeführt von Fahrenschon und Marx, ausnahmsweise jedoch zu einer Lagerhalle für Landmaschinen, in die die folgende Tagung verlegt worden war. Der traditionelle Sitzungssaal im Dorfgasthof war aufgrund eines Umbaus gesperrt worden.

Unter dem hohen Dach der Lagerhalle zelebrierten die Besucher mit der Verknüpfung von Bierausschank, deftigem Essen und politischer Grundsatzrede eine weitere bayerische Tradition. In einer etwa einstündigen Tagungsrede steckte Fahrenschon die aktuellen Eckpunkte der CSU-Politik ab. Der bayerische Finanzminister forderte eine Konsolidierung der Staatsfinanzen und warnte vor einem «Marsch in den Schuldenstaat». Zugleich bekräftigte er die Notwendigkeit einer Entlastung der Steuerzahler. Der Lohn der Arbeit gehöre «den Bürgern, nicht dem Staat», sagte Fahrenschon. Im gleichen Atemzug kritisierte er den Länderfinanzausgleich: Die bayerischen Bürger hätten ein Recht auf den Lohn ihrer Mühen.

Nach seiner Rede bezeichnete Fahrenschon die Tuntenhausener Wallfahrtstagung als «außergewöhnliche Gelegenheit, Politik einmal in den großen Zusammenhängen darzustellen». Im Gegensatz zu Festzeltreden müsse man als Redner «nicht den nächsten Applaus erheischen». Die Zuhörer, überwiegend Wallfahrer und Mitglieder des Tuntenhausener Katholischen Männervereins, quittierten Fahrenschons Ausführungen tatsächlich mit freundlichem, aber nicht enthusiastischem Beifall.

Die Protagonisten des Vormittages demonstrierten hingegen größtmögliche Eintracht: Fahrenschon würdigte Marx´ Predigt als «kraftvoll und bewegend». Der Erzbischof lobte Fahrenschon, der den ursprünglich als Festredner geplanten bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) vertrat, als «Person, die überzeugend den christlichen Glauben darstellt». Als Treffen von CSU und Kirche wollte Marx die Wallfahrt jedoch nicht verstanden wissen: Zu Gast seien traditionell Amtsträger, die «sich aus Antrieb christlicher Verantwortung in die Politik» begeben hätten. Diese seien - mit Blick auf Fahrenschon - auch bei der diesjährigen Männerwallfahrt wieder vertreten gewesen.

Frei von den Einflüssen aktueller Krisen blieb jedoch selbst die oberbayerische Traditionswallfahrt nicht: Marx eröffnete den Gottesdienst mit dem Hinweis auf die «schweren Wochen», die die Kirche aktuell durchlebe. Fahrenschon forderte in seiner Rede eine «uneingeschränkte Aufklärung» der Missbrauchsfälle. Ein «Rückzug in die Wagenburg» widerspräche den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Gleichwohl könne die aktuelle Krise den «christlichen Glauben nicht erschüttern».

Dass selbst das beschauliche Tuntenhausen als Wallfahrts- und Rückzugsort nicht frei von Sorgen ist, machte auch der örtliche Gemeindepfarrer Amit Sinha Roy klar. Er musste die Gäste des Gottesdienstes um Spenden für die Tuntenhausener Basilika bitten. Das eindrucksvolle und symbolträchtige Gebäude wird derzeit nur notdürftig von einer provisorischen Konstruktion gestützt. Eine Sanierung sei dringend notwendig, sagte der Pfarrer.

(ddp)

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