«Sehr gemischte Gefühle»
Samstag, 24. April 2010
«Sehr gemischte Gefühle»

Kabul (ddp). Vertreter westlicher Geheimdienste und auch Militärs zweifeln am Erfolg der neuen NATO-Strategie des «Partnering» für die «eng verzahnte» Zusammenarbeit mit den afghanischen Soldaten. «Wir haben sehr gemischte Gefühle für die neue Doktrin des ISAF-Oberkommandierenden Stanley McChrystal», erklärten Geheimdienstler und Offiziere der Nachrichtenagentur ddp am Wochenende in Kabul. Sie berichteten von einem «schlimmen Verdacht», der gegen einen afghanischen Offizier bei der jüngsten gemeinsamen Offensive deutscher und afghanischer Soldaten gegen die Taliban-Kämpfer aufgekommen ist.

Es werde nach den Untersuchungen vermutet, dass der afghanische Offizier bei der Offensive in der Region Baghlan am 15. April das deutsche Panzerfahrzeug «Eagle» genau an der Stelle nahe einer Brücke angehalten hat, an der die Taliban eine Sprengfalle versteckt hatten. Bei der Explosion wurden drei Bundeswehrsoldaten getötet. Ein vierter Soldat, ein Oberstabsarzt, wurde am selben Tag von den Taliban beim Beschuss seines Rettungswagens vom Typ "Yak» getötet.

«Es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass der Offizier mit den Taliban unter einer Decke steckte», erklärte ein Angehöriger eines westlichen Geheimdienstes ddp. Die Taliban hätten «überall ihre Finger drin». Sie hätten die afghanische Armee, die «Afghan National Army» (ANA), «in vielen Bereichen unterwandert», erklärte der Geheimdienstler. Die Bundeswehrsoldaten hatten bei ihrem Einsatz gegen die Taliban in Nordafghanistan rund tausend afghanische Soldaten an Gefechtstaktiken ausgebildet.

US-General McChrystal hatte gerade bei seinem Besuch in Berlin für sein neues Konzept des «Partnering» geworben. Er sieht darin für die internationalen Truppen am Hindukusch den «einzigen Schlüssel» um das Ruder im Kampf gegen die Taliban zugunsten des Westens herumzureißen. Auch die Bundeswehrsoldaten sollen jetzt mit ihren afghanischen Kameraden bei der Ausbildung zusammen «im Feld» kämpfen, gemeinsam essen und leben. Sie sollen in den Dörfern mit den Afghanen Patrouille gehen und den «engen Anschluss an die Bevölkerung suchen». Mit der Ausbildung der afghanischen Soldaten in den gesicherten Feldlagern der Bundeswehr ist es vorbei.

Der «Zweiklang» von Kämpfen und in Zelten campieren weit ab der gesicherten Stützpunkte bedeutet nach Ansicht der Geheimdienstler und Militärs jedoch, dass die Risiken für die deutschen Soldaten noch weit höher werden als sie es bisher schon sind. Darüber hinaus klagen die deutschen Soldaten über die Unzuverlässigkeit der afghanischen Kameraden. Auch US-Offiziere wiesen darauf hin, dass zum Beispiel bei der jüngsten Offensive im südlichen Helmand unter den afghanischen Soldaten ein «erheblicher Schwund festgestellt werden musste». Plötzlich sei ein Teil der Afghanen «weg gewesen», stellte ein US-General fest. Mit der Verlässlichkeit der afghanischen Soldaten sei «das so eine Sache».

Auch Bundeswehroffiziere zeigten sich nach ihren Erfahrungen mit den Afghanen, die oft weder lesen noch schreiben können, «sehr skeptisch» über den Schulterschluss. Als Beispiel führten sie eine Operation an, bei der die «ANA» 500 Soldaten zur Teilnahme zugesagt hatte, die um acht Uhr morgens antreten sollten. Gegen Mittag seien «dann endlich 150 Mann vor Ort gewesen», wurde berichtet. Wenn ein afghanischer Soldat Schwierigkeiten mit seinem Gewehr habe, komme es schnell vor, dass er es einfach gegen den nächsten Baum «schmettert», um eine Lösung des Problems zu finden. Bei der Bundeswehr gilt die Anordnung: «Gewehr sichern, entladen, nach den Ursachen des Problems suchen».

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte McChrystal zwar die Umsetzung der neuen NATO-Doktrin zu, wies aber unumwunden darauf hin, dass die neuen Risiken «gefährlich, zum Teil sehr gefährlich sind». Die Geheimdienstler, unter ihnen sogar auch Angehörige der CIA, machten kein Hehl aus ihrer Einschätzung, dass McChrystal «jetzt alles auf eine Karte setzt».

Nach seiner Absicht sollen die Militäroperationen und die verstärkten Anstrengungen für die Ausbildung der afghanischen Soldaten in diesem Jahr dazu führen, dass der Abzug der ISAF-Truppen aus Afghanistan ab Mitte 2011 beginnen kann. McChrystal will nach eigener Aussage erreichen, dass mit der «Eroberung der Fläche» die einmal besetzten Räume dauerhaft gehalten werden können, und zwar durch die afghanische Armee.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte am Freitag beim Außenministertreffen des atlantischen Bündnisses in der estnischen Hauptstadt Tallinn zur neuen Partnerschaft mit den afghanischen Sicherheitskräften: «Wir sollten keine Illusionen haben. Fortschritte wird es nicht schnell und nicht leicht geben».

(ddp)

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