China bei Elektromobilen bayerischen Herstellern weit voraus
Mittwoch, 28. April 2010
China bei Elektromobilen bayerischen Herstellern weit voraus

Peking (ddp-bay). Wenn Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an China denkt, sind es nicht nur die Absatzchancen für die bayerische Wirtschaft, die ihn umtreiben. Es ist auch die Sorge um einen «gewaltigen Konkurrenten» für die heimische Automobilwirtschaft, wie er auf seiner China-Reise einräumte. Angesichts der Fortschritte der Chinesen bei Elektromobilen und Batterietechnik könnte die Automobilindustrie im Freistaat das gleiche Schicksal ereilen, wie dereinst die Steinkohlebergwerke im Ruhrgebiet - wenn nicht schnell gegengesteuert wird.

Der Präsident der Technischen Universität München (TU), Wolfgang Herrmann, sieht das ähnlich. «Die deutsche Automobilindustrie hat die Elektromobilität verschlafen», beklagte Herrmann, der zu Seehofers derzeit in China weilenden Delegation gehört. «Die Chinesen sind auf dem Gebiet sehr weit. Da müssen wir nachholen», mahnte der Wissenschaftler.

Dem widersprach Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek, der ebenfalls mit Seehofer in Peking unterwegs war. Eine Bedrohung für den Automobilstandort Bayern durch die chinesischen Fortschritte in der Elektromobilität sieht er nicht. Bedeutender als die Festlegung auf Elektroantrieb als Zukunftskonzept, sei die Effizienz. «Wichtig ist mir die Physik. Autos haben eine große Masse.» Deswegen bleibe der Leichtbau in Zukunft ein zentrales Thema.

Außerdem seien Elektroantriebe für sein Unternehmen nichts Neues. «Wir hatten bei Audi schon vor zehn Jahren einen Hybrid, aber da war unser ´Vorsprung durch Technik´ zu groß. Wir waren zu schnell und zu früh.» Nun sei man aber gut dabei. Außerdem seien Stromautos noch lange kein Massenprodukt. «Binnen zehn Jahren wird es mit Sicherheit keinen Umstieg komplett auf Elektroantriebe geben. Die Batterien, die Infrastruktur, das ist alles noch nicht in großem Maßstab technisch realisierbar.»

Die Chinesen beweisen - im Kleinen - das Gegenteil. Seit einigen Jahren sind in der Innenstadt von Peking keine stinkenden und knatternden Mofas oder Roller mit Benzinmotor mehr unterwegs. Mit standardisierten, abnehmbaren Akkus, die sich zuhause an der Steckdose aufladen lassen, sausen die lautlosen Flitzer herum.

Bei Autos wäre der flächendeckende Umstieg auf Strombetrieb zwar deutlich aufwändiger, aber der deutsche Botschafter in Peking, Michael Schaefer, hat keine Zweifel an der entsprechenden Zielstrebigkeit seines Gastlandes: «Die Chinesen planen, den gesamten öffentlichen Nahverkehr inklusive Taxis auf Elektro umstellen.»

Sie hätten sehr frühzeitig erkannt, «dass Elektromobilität ein Zukunftsthema ist und wirtschaftliche Wachstumspotenziale bietet». Bei Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge seien chinesische Forscher inzwischen führend. «Das ist eine Schlüsseltechnologie für Mobilität in Großstädten», betonte der Botschafter.

TU-Chef Herrmann möchte diesbezüglich von den Chinesen lernen und hat deshalb bei der Reise ein Partnerschaftsabkommen mit der Pekinger Tsinghua-Universität unterzeichnet. Die Hochschulen wollen ein gemeinsames Forschungslabor für Elektromobilität aufbauen. Sonst sei immer von der Wissensabwanderung nach China die Rede. «In dem Fall kann Deutschland profitieren», hofft Herrmann.

Botschafter Schaefer führt die über Jahre hinweg zögerliche Haltung in Deutschland gegenüber Elektrofahrzeugen auch auf Mentalitätsunterschiede zurück. «Bei uns ist vielleicht der eine oder andere wegen der geringeren Reichweite und Sportlichkeit der Autos skeptisch. Für die Chinesen, die ja ihre Elektro-Mofas fahren, ist ein Elektromotor bereits eine alltägliche Sache.»

Und womöglich hängt es auch mit den staatlichen Weichenstellungen zusammen. In China fördert die Regierung die Elektromobilität großzügig. Bayerns Oppositionschef Markus Rinderspacher (SPD) spricht von einer Milliarde Euro pro Jahr. In Bayern seien dafür im Haushalt hingegen lediglich fünf Millionen Euro vorgesehen.

(ddp)

Zusätzliche Nachrichten aus unserem Portal:

Seehofer absolviert seine erste große Auslandsreise ohne grobe Fehler

In einem Punkt sind sich die meisten Delegationsmitglieder der ersten Chinareise von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einig: er hat im Umgang mit seinen Gastgebern keine groben Fehler gemacht. «Unterm Strich ...

Hessischer Ortsteil fällt heute an Nordrhein-Westfalen

Von heute an gehört der Ortsteil Stormbruch der hessischen Gemeinde Diemelsee zu Nordrhein-Westfalen. Der Düsseldorfer Landtag hatte im September beschlossen, die 21-Einwohner-Gemeinde vom Nachbarbundesland gegen eine Zahlung von 390 000 ...

Bayerns Wissenschaftsminister gegen CSU-Kurs bei grüner Gentechnik

In der schwarz-gelben Koalition in Bayern bahnt sich ein Konflikt um die grüne Gentechnik an. Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) hat die einseitige Kritik an der grünen Gentechnik durch die ...

Vorläufiges Zweitstimmenergebnis: CSU rutscht auf 42,6 Prozent ab

Nach Auszählung aller bayerischen Wahlkreise der Bundestagswahl vom Sonntag muss die CSU im Freistaat deutliche Verluste hinnehmen. Sie erzielte nur 42,6 Prozent der Zweitstimmen und damit knapp sieben Prozentpunkte weniger ...

Kreuzweg entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Ulrich Barnickel schweißt ein Stück rotes pulverbeschichtetes Rohr mit einem Rest Wellblech zusammen. Der Bildhauer aus Schlitz (Vogelsbergkreis) arbeitet an der Plastik «Gewalt». So wird die 7. Station des geplanten ...

Der bayerische «Lebensminister» auf Wassertour in Israel

Was seine Rolle als Umweltminister betrifft, ist Markus Söder - der sich selbst gern «Lebensminister» nennt - nicht gerade bescheiden. Früher seien Umweltminister oft als «eine Art Luxusminister» angesehen worden, ...


 
weiter >

Zufallsartikel