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Berlin (ddp-bln). Einträchtig sitzen die Christdemokratin und der
Sozialdemokrat nebeneinander und hören dem Grünen-Politiker zu. Es
sei «tragisch», dass von der Bürgergesellschaft in der Endphase der
DDR so wenig übrig geblieben sei, ärgert sich Werner Schulz,
DDR-Oppositioneller, lange Zeit Bundestagsabgeordnete der Grünen und
heute Europaparlamentarier. In der ersten Reihe vor ihm sitzen der
letzte DDR-Außenminister Markus Meckel von der SPD und Angela Merkel,
die vor 20 Jahren noch nicht an eine Politikerkarriere dachte und
heute Bundeskanzlerin und CDU-Bundesvorsitzende ist.
Zwischen dem Pressestatement zur Griechenland-Krise im Kanzleramt
und der Verleihung des Filmpreises im Berliner Friedrichstadtpalast
hat Merkel noch einen Termin zwischengeschoben, der an ihre
politischen Wurzeln erinnert. Zur Diskussion über den Demokratischen
Aufbruch (DA) hat die Bundesstiftung Aufarbeitung am Freitagabend
geladen. Der DA war eine jener Bewegungen in der DDR, die in der
Wendezeit wie Pilze aus dem Boden schossen.
Als der DA am 1. Oktober 1989 gegründet wurde, war Merkel noch
nicht dabei. Sie sah sich anfänglich als «Beobachterin» und war noch
nicht entschlossen, sich politisch zu organisieren. Später begab sie
sich auf «Parteiensuche», wie sie selber einmal sagte. Die
Sozialdemokraten waren ihr zu egalitär, das Neue Forum zu
basisdemokratisch. Auch der DA war anfangs noch ein «bunter Haufen»
von Leuten unterschiedlichster Richtung, wie sich Mitbegründer Rainer
Eppelmann, heute Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung, erinnert.
Erst als Ende 1989 linke Vertreter wie Friedrich Schorlemmer den DA
verließen, bekam die Bewegung Konturen. Sie war letztlich auch die
erste, die sich den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik auf die
Fahnen schrieb.
In dieser Phase im Frühjahr 1990 kam auch Merkel zum
Demokratischen Aufbruch, als dessen Profil schon sichtbarer wurde.
Der DA sei ihr «angenehm» vorgekommen, weil man dort auch stumm
dabeisitzen konnte, sagt Merkel heute. Einen Computer aus dem Westen
anzuschließen, war eine ihrer ersten Taten. Politischer wurde es, als
der damalige DA-Vorsitzende Wolfgang Schnur, der später als Stasi-IM
enttarnt wurde, sie kurzerhand zur Pressesprecherin machte, weil er
für einen Termin keine Zeit hatte.
Die Volkskammerwahl am 18. März 1990 verlief für den
Demokratischen Aufbruch mit 0,9 Prozent enttäuschend. Die DDR-Bürger
hätten faktisch schon die westdeutschen Parteien gewählt, beklagt
Eppelmann heute. Deutlicher wird der Politikwissenschaftler Eckhard
Jesse: «Es wurde Helmut Kohl gewählt.» Dennoch gelangte der DA in die
Regierung, weil er der siegreichen «Allianz für Deutschland» aus DA,
Ost-CDU und CSU-Ableger DSU angehörte. Der DA habe so
überproportional viele Vertreter in die Regierung von Lothar de
Maiziére (CDU) entsenden können, betont Werner Ablass, Mitbegründer
des DA in Mecklenburg-Vorpommern. Eppelmann wurde
Verteidigungsminister, der DA stellte zudem fünf Staatssekretäre und
eine stellvertretende Regierungssprecherin namens Angela Merkel.
Im Sommer 1990 schloss sich der DA der CDU an, an den
Vereinigungsparteitag erinnert sich Merkel noch gut. Diesen «wilden»
Parteitag werde sie ihr Leben lang nicht vergessen, sagt die
Kanzlerin, die damals offenbar weniger kontrolliert agierte als
heute. Sie habe die entsandten westdeutschen Vertreter angeschrien,
die Klappe zu halten, sonst werde es nix. Man habe sich gewehrt, sich
zum Erfüllungsgehilfen westdeutscher Wünsche zu machen. Werner Schulz
von den Grünen sieht das ein wenig anders. Helmut Kohl habe sich den
Demokratischen Aufbruch einfach «einverleibt».
Heute spricht Merkel von einer «tollen Zeit» beim DA, sie vermisst
die damalige Spontaneität und politische Leidenschaft. Auch zu Mut,
Fragen zu stellen, ermuntere sie die Menschen. Doch dann kommt doch
die Politikerin von heute in ihr durch. Als Parteichefin sei sie
manchmal auch froh, wenn es keine Gegenrede gebe.
(ddp)
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